Reißbrett des Meisters

Wer sind sie, die Freimaurer?

 

Freimaurer sind Suchende. Als Solche suchen sie zunächst den Weg zur Aufnahme in eine Loge. Dort angekommen suchen sie Antworten auf die berühmteste aller Fragen: Die Frage der Aufklärung: „Wer ist der Mensch?“

Dabei machen sie die Erfahrung, dass es kein Lehrbuch der Freimaurerei gibt, aus dem sie eine Antwort entnehmen könnten. Und selbst wenn sie Brüdern begegneten, die vor sich selbst und vor anderem den Anschein erweckten, sie wüssten eine endgültige Antwort, erfährt der redlich Suchende schnell, dass es sich dabei um einen Dünkel handelt, wie ihn Menschen oft haben.

Auf der Suche nach der Antwort erfährt der Suchende auch, dass es keine Verhaltens­vor­schriften gibt, also so etwas, wie man es von Klosterregeln kennt, die jedem Einzelnen vorschreiben, wie er sich in der jeweiligen Situation verhalten soll. Das enttäuscht viele Suchende. Denn sie haben erwartet, dass sie einem ethischen Bund beitreten. Aber die Ethik der Freimaurer steht nicht wörtlich in einem Buch und sie wird auch nicht von einer Autorität eingebläut.

Die größte Enttäuschung für viele Suchende ist es, dass es in der Freimaurerei kein Heilsversprechen gibt. Aus der Religion, in der sie aufgewachsen sind, haben sie meistens erfahren, dass es einen weisen Schöpfer des Universums gibt, dass er aus Liebe zu den Menschen diese erschaffen habe und sich für ihr Heil verwende, dass er ihnen versichere, es warte ein besseres Leben nach dem Tod auf ihre Seele. All dies bleibt im freimaurerischen Leben aus.

Zur Verunsicherung trägt es weiterhin bei, dass auch keine gegenteilige Lehre in der Freimaurerei auftritt. Auch die Behauptung, alles, was Religionen lehrten, sei falsch, trifft der Suchende in der Freimaurerei nicht an. In der Freimaurerei wird dem Suchenden zugemutet, dass er offene Fragen aushält.

Freimaurerei ist daher weder eine Religion noch eine andere Art Heilsversprechung. Sie mutet dem Menschen nur zu, seine Arbeit am Bau der Humanität auch dann aufzunehmen und fortzusetzen, wenn es unwichtig ist, welche Versprechen die jeweilige Kultur, Moral und Religion als Lohn für diese Arbeit in einer anderen Welt ankündigen.

Die Symbole und Rituale, die sich der Elemente des Handwerks bedienen, weisen darauf hin, dass der Mensch zum Menschen wird, indem er die Arbeit an sich selbst auf sich nimmt. Sie erinnern daran, dass Arbeit nicht nur einen ausbeuterischen oder ideologischen Sinn hat, sondern in erster Linie ein Weg zum Lebensglück sein kann. Nur wer tätig ist, erlebt sein Leben als eine Erfüllung.

Arbeit wird in der modernen Welt von Arbeitsämtern und Lohnverträgen beherrscht. Mit der reichhaltigen Symbolik und Ritualistik des Freimaurerlebens tritt ein vollkommen anderer Aspekt der Arbeit ins Bewusstsein der Menschen. Es ist die unerschöpfliche Quelle des Tätigseins, das Künstler auszeichnet, die durch Arbeit nicht in eine geistige Verarmung getrieben werden, sondern sich mit Leben beschenkt fühlen.

In der Freimaurerei löst sich das Misstrauen auf, das viele Menschen hegen, wenn sie sich vorstellen sollen, dass ihr Leben und die Arbeit für ein allgemeines Gut ihren Sinn verlieren könnte, wenn die sinnstiftenden Elemente der Religion und der öffentlichen Moral nicht angerufen werden. Freimaurer vertrauen darauf, dass ein Mensch aus der Erfahrung des Tätigseins den Charakter bildet und festigt. Aus dieser Festigkeit seines individuellen Charakters entscheidet und handelt der Mensch schließlich auch in der Position, die er in seiner Lebenswelt einnimmt.

Wer sich ohne Vorbehalte auf den freimaurerischen Bildungsweg begibt, kann darauf vertrauen, in entscheidenden Situationen das Richtige zu tun. Er hat gelernt, dass die Antwort auf die Fragen: „Wer ist der Mensch?“ und „Was soll ich tun?“ nur dann gewissenhaft erfolgen kann, wenn er als mündiger Bürger nicht mehr andere als seine eigenen im Kreis von Menschen ausgebildeten Gefühle vertreten muss.

 

Dr. Klaus-Jürgen Grün

(Meister der Loge Quatuor Coronati)
November 2010